Sichere Quartiere im urbanen Raum

| Alice Hoffmann

Experte im Interview

Vor dem Hinter­grund der zuneh­menden Bedrohung der Bevöl­kerung durch Angriffe auf Großver­an­stal­tungen, Amokfahrer und Vanda­lismus in Innen­städten steigt der Bedarf nach Erfahrung und Wissen zum Schutz derselben.

Bruno Hecht, Experte zu Themen wie bauliche Sicherheit, Brand­schutz und Innen­stadt­si­cherung, gibt einen exklu­siven Einblick in seinen Alltag. Dabei wird deutlich, dass die Ausgangs­si­tua­tionen der Kunden vor Projekt­beginn ähnlich sind und sie sich oftmals mit den gleichen Frage­stel­lungen ausein­an­der­setzen. 

Das Interview wurde im September 2018 geführt.

1. Müssen wir überhaupt etwas für die Sicherheit unserer Innen­stadt tun, wieso sollte ausge­rechnet jemand bei uns einen Anschlag verüben?

Diese Ansicht teilen nach unserer Erfahrung viele Städte, Stadt­ver­wal­tungen, Bürger­meister, doch wenn ein Anschlag passiert, reibt man sich verwundert die Augen und zuckt nach dem Motto: “Wie hätten wir dies wissen oder auch nur ahnen sollen?” mit den Schultern. Doch heutzutage kann man sich nicht mehr hinter Unwis­senheit verstecken, immerhin sind in den letzten fünf Jahren allein in Europa 15 spekta­kuläre Anschläge mit Fahrzeugen verübt worden. Ergänzend dazu muss erwähnt werden, dass nicht nur Terro­risten diese Anschläge verüben, sondern auch Menschen, die psychisch gestört sind, wie beispiels­weise beim Anschlag in Münster im April diesen Jahres mit zwei Todes­opfern. Daran sieht man, dass nicht nur Metro­polen und Großstädte einer solchen Gefahr gegenüber stehen.

© VZM GmbH

2. Wir haben doch eine Bauab­teilung. Die kann sich was ausdenken, wie die Sicherung der Innen­stadt ausge­führt werden muss.

Ich möchte keiner Bauab­teilung zu nahe treten, doch meine langjährige Tätigkeit bei der VON ZUR MÜHLEN’SCHE GmbH zeigt, dass diese sich in der Regel mit ganz anderen Problemen beschäf­tigen und keine Erfah­rungen im Umgang mit der komplexen Planung zielfüh­render Schutz­maß­nahmen besitzen. Ein Beispiel dazu? In meiner Praxis bekomme ich oft mit, dass die städti­schen Behörden sehr wohl Anprall­lasten berechnen können, um Aussagen zur Stabi­lität von Bauwerken treffen zu können, wenn diese durch einen Zufall von Fahrzeugen touchiert werden. Doch ein gezielter, perfider Angriff mit einem Fahrzeug stellt eine ganz andere Größen­ordnung dar und muss entspre­chend anders behandelt und auch anders berechnet werden. Hier kommen weit mehr zu beach­tende Parameter zum Zuge.  Das erfordert Faller­fahrung, die Analyse von Abläufen, Techniken und vielem mehr.

3. Wir arbeiten mit einem Ingenieurbüro zusammen, können die uns nicht bei der Absicherung der Innen­stadt helfen?

Eine berech­tigte Frage, die sich sehr kurz mit „ja“ und „nein“ beant­worten lässt. Ja, wenn es sich um ein kompe­tentes Ingenieurbüro handelt, das bereits Erfahrung auf diesem spezi­ellen Gebiet mitbringt und ganz eindeutig nein, wenn es sich zum ersten Mal auf so ein schwie­riges Terrain begibt.

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4. Externe Berater sind immer teuer und nie so effizient, wie wir es erwarten. Außerdem haben wir kein Budget dafür im Haushaltsplan.

Solche Aussagen hören wir oft. Wir erleben immer wieder, dass wir nach der ersten Kontakt­auf­nahme um ein konkretes Angebot gebeten werden, dieses aus Budget-Gründen abgelehnt wird und wir wenig später doch um Hilfe gebeten werden. Vorder­gründig scheint ein solches Vorgehen der Städte nachvoll­ziehbar. Betrachten wir die Situation vor dem Hinter­grund, dass es um den Schutz der Bürger sowie des Stadt­bildes und das Image geht, macht ein Vergleich die Perspektive eindeu­tiger: Die Vermietung eines Gebäudes mit mangel­haften Brand­schutz­vor­keh­rungen aufgrund fehlenden Instand­set­zungs­budgets frei nach dem Motto “es wird schon gutgehen bis wir das Geld zusammen haben” ist wenig ruhmreich. Nach einem Schadens­er­eignis wird die Staats­an­walt­schaft vermutlich nicht nach einem Budget, sondern viel mehr nach Versäum­nissen und einem Schul­digen fragen. Dies wird sich bei einem Fahrzeug­an­schlag ähnlich abspielen.

5. Kann man Hersteller, die kennen sich ja bestens aus mit der Technik, einschalten und diese die Sicherung durch­führen lassen?

Der gesunde Menschen­ver­stand legt nahe, dass sich Hersteller mit der eigenen Technik auskennen – wenn nicht, dann haben sie den Beruf verfehlt. Ich kenne auf dem Markt auch einige Hersteller, denen ich durchaus zutraue, ein solches Projekt vernünftig und fair für den Kunden durch­zu­führen. Es ist aber wie überall im Leben: Man sollte sich nicht, salopp gesagt, sorglos auf bunte Prospekte oder Verspre­chungen verlassen, sondern ein gesundes Misstrauen an den Tag legen. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“ ist an dieser Stelle ein passender Satz. Dies gilt im Übrigen auch für Berater! Und viele Hersteller von Lösungen sind sehr umsatz­ori­en­tiert.

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6. Wir müssten alle Abtei­lungen und Ressorts überzeugen – das braucht Zeit und Energie. Das schaffen wir nicht, da brauchen wir auch gar nicht erst anzufangen!

Den Kopf in den Sand zu stecken, hat von je her Niemandem geholfen – die Gefah­ren­zonen in den Innen­städten elimi­nieren sich nicht von allein. Der bürokra­tische, organi­sa­to­rische sowie finan­zielle Aufwand lohnt sich dann, wenn sich am Ende Kinder und Eltern frei und sicher in den Innen­städten bewegen können. Meine Lebens­er­fahrung zeigt mir, dass die Alter­native – Sicher­heits­maß­nahmen zu vernach­läs­sigen und Leben zu gefährden bzw. Zerstörung zu dulden – keine Alter­native ist.

7. Wieviel Zeit nimmt ein solches Projekt in Anspruch, und wie erklären wir die Bauar­beiten den anlie­genden Geschäfts­leuten und der Bevöl­kerung?

Ganz einfach! Die Baustelle dauert so lange, wie sie dauert. Spaß beiseite, eine gute Planung berück­sichtigt möglichst alle Unwäg­bar­keiten, sodass eine zügige Umsetzung durch­führbar ist. Sicherlich können Verzö­ge­rungen auftreten, wenn man bspw. auf unter­ir­disch verlegte Leitungen jeglicher Art trifft, die weder in den Plänen zu finden sind, noch zu den Aussagen der “Leitungs­be­sitzer” passen. Dann muss zeitauf­wen­diger mit Probe­schach­tungen per Hand die Lage sondiert werden. Wer aber Sicherheit haben will, muss auch ein bisschen selbst “mit anpacken” und die relativ kurze Bauzeit zum Wohle aller akzep­tieren.

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8. Was passiert nach der Absicherung mit der Zu- und Ausfahrts­kon­trolle? Wer darf rein, wann und wie? Was ist mit den hilfe­leis­tenden Stellen (Polizei, Feuerwehr, Kranken­wagen)? Wie kommen diese rein und wieder raus aus der abgesi­cherten Zone?

Jede Burg ist so schwach wie ihr Portal. Genau an diesem Punkt muss viel Knowhow inves­tiert werden. Das bedeutet, dass man sich mit den hilfe­leis­tenden Stellen zusam­men­setzen muss, um deren Anfor­de­rungen unter einen Hut zu bringen, ohne dabei die Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Die Steuerung von beweg­lichen Absper­rungen muss bis ins letzte Detail überlegt und geplant werden. Es müssen nicht nur die „alltäg­lichen“ Durch­fahrten bedacht, sondern auch Sonder­fälle berück­sichtigt werden. Darüber hinaus sind auch „Neben­kriegs­schau­plätze“ wie Zu- und Ausfahrten für Anwohner, Ver- und Entsorger, Taxis, Schwer­trans­porte, und, und … einzu­planen. Auch begrenzte Zufahrts­zeiten zu bestimmten Wochen­tagen für bestimmte Gruppen müssen in die Entschei­dungs­findung mit einbe­zogen werden. Wenn das alles ausdis­ku­tiert, zusam­men­ge­fasst und entschieden worden ist, kann die passende Lösung entwi­ckelt werden und die Umsetzung beginnen.

9. Mit Zu- und Ausfahrt­kon­zepten verbindet man immer Beton, Poller, Schranken etc. Sind das die Haupt­in­stru­mente?

Beileibe nicht. Wir haben in einer Großstadt zum Schutze eines anschlags­ge­fähr­deten Hochhauses ein ganzes Bündel von Maßnahmen geplant und reali­siert. Dazu gehörte sogar die Umwidmung einer Straße, Rückbau der Straße von vielbe­fah­rener Durch­fahrt zu Sackgasse. Gestal­te­rische Maßnahmen, die gar nicht als Schutz­maß­nahmen erkannt werden, führten zu einer zwangs­läu­figen Herab­min­derung von Geschwin­digkeit. Die gestal­te­ri­schen Maßnahmen schufen auch Abstände. Wichtig für die Reduzierung der Wirkung von Spreng­stoff­an­schlägen. Man kann viel tun. Und oft ist das noch nicht einmal teuer. Wir waren jeden­falls über die Kosten der Maßnahmen positiv überrascht. Wenn Sie einmal aufmerksam durch deutsche Städte wandern, stellen Sie fest, dass viele landschafts­ge­stal­tenden Maßnahmen im Straßenbild bereits geeignet sind als Rückhalt­vor­rich­tungen zu dienen.