Resiliente Sicherheitsarchitekturen – Anforderungen für kritische Infrastrukturen

KRITIS-Anforderungen wie NIS2 und DORA erhöhen den Druck. Erfahren Sie, wie physische, technische und IT/OT-Sicherheit integriert werden, um Verfügbarkeit nachhaltig zu sichern.

Inhalt

KRITIS unter Druck: Warum Sicherheitsarchitektur jetzt entscheidend ist

Angriffe auf kritische Infrastrukturen sind längst keine isolierten Ereignisse mehr. Sie führen zu realen Auswirkungsketten – von Produktionsstillständen über Versorgungsunterbrechungen bis hin zu physischen Schäden an Anlagen und Gebäuden.

Parallel dazu steigt der regulatorische Druck deutlich. Mit NIS2, dem geplanten KRITIS-Dachgesetz sowie Vorgaben wie DORA wird Resilienz zur verbindlichen Anforderung.

Das Problem: Die Ziele sind definiert – der Weg zur Umsetzung bleibt häufig offen.

Die entscheidende Frage für Betreiber kritischer Infrastrukturen lautet daher:
Wie entsteht eine Sicherheitsarchitektur, die nicht nur Anforderungen erfüllt, sondern die Verfügbarkeit tatsächlich sicherstellt?

KRITIS-Sicherheit bedeutet, Verfügbarkeit systematisch sichern – durch das integrierte Zusammenspiel von physischer, technischer und organisatorischer Sicherheit entlang von IT- und OT-Strukturen.

Verfügbarkeit ist das Ziel – nicht Sicherheit um ihrer selbst willen

Ein zentraler Denkfehler in vielen Organisationen besteht darin, Sicherheit als Schutzmaßnahme zu verstehen – nicht als Bestandteil der Betriebsstrategie.

Tatsächlich ist das Ziel eindeutig:
Kritische Prozesse müssen stabil und unterbrechungsfrei funktionieren.

Das hat Konsequenzen für die Planung:

  • Sicherheit wird zum Bestandteil der Unternehmenssteuerung
  • Verfügbarkeit entsteht nicht isoliert
  • sondern nur im Zusammenspiel aller sicherheits- und betriebsrelevanten Systeme

Physische Sicherheit, IT und OT folgen einer gemeinsamen Logik

In der Praxis zeigt sich, dass physische Sicherheit, IT-Sicherheit und OT-Sicherheit nach denselben Prinzipien aufgebaut sind.

Unabhängig vom Kontext gilt:

  • Risiken werden analysiert
  • Schutzziele werden definiert
  • Maßnahmen werden strukturiert abgeleitet

Die Unterschiede liegen nicht in der Methodik, sondern in den eingesetzten Mitteln. Während physische Sicherheit auf bauliche und mechanische Maßnahmen setzt, arbeitet die IT-Sicherheit mit digitalen Kontrollmechanismen.

Mit zunehmender Digitalisierung wachsen diese Bereiche jedoch zusammen. Systeme wie Zutrittskontrolle, Videoüberwachung, Gebäudeautomation oder Leitstellen sind heute integraler Bestandteil einer vernetzten Operational Technology (OT).

IT/OT-Integration als Voraussetzung für resiliente Sicherheitsarchitekturen

Die enge Verzahnung von IT- und OT-Systemen verändert die Sicherheitsarchitektur grundlegend. Risiken entstehen nicht mehr nur innerhalb einzelner Systeme, sondern vor allem an deren Schnittstellen. Welche Herausforderungen daraus für Netzwerksegmentierung, Remote-Zugriffe und Verfügbarkeit entstehen, erläutern wir ausführlich im Beitrag zur IT- und OT-Sicherheit in KRITIS-Infrastrukturen.

Angriffe auf IT-Systeme können unmittelbare Auswirkungen auf physische Prozesse haben. Gleichzeitig können physische Störungen digitale Systeme beeinträchtigen.

Eine wirksame Sicherheitskonzeption muss diese Abhängigkeiten berücksichtigen und beide Ebenen gemeinsam betrachten. Hier hat sich das Prinzip des Defense-in-Depth etabliert: Sicherheit wird in mehreren Ebenen aufgebaut – mit klar definierten Zonen und kontrollierten Übergängen.

Fehlende Integration ist dabei eine der häufigsten Ursachen für Sicherheitslücken.

Integration statt Einzelmaßnahmen: Die größte Schwachstelle in der Praxis

Viele Sicherheitskonzepte scheitern nicht an fehlender Technik, sondern an fehlender Integration.

Typische Brüche:

  • keine risiko- und schutzzielbasierte Maßnahmenanalysen
  • keine alarm- und ereignisbasiertes Alarmmanagement
  • Sicherheitskonzepte ohne Einbindung in ein OT-Sicherheitskonzept
  • aber auch umgekehrt: OT-Systeme ohne physische Konzeptbasis
  • Redundanzen ohne Gesamtstrategie

Die Zielarchitektur muss sein:
Defense-in-Depth – Sicherheit in Zonen, Ebenen und Übergängen gedacht.

Von der Risikoanalyse zur belastbaren Sicherheitskonzeption

Eine belastbare Sicherheitsarchitektur entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen, sondern durch ein strukturiertes Vorgehen.

Kritische Prozesse und Abhängigkeiten identifizieren

Am Anfang steht die Frage, welche Funktionen für den Betrieb tatsächlich kritisch sind. Dabei werden nicht nur Systeme betrachtet, sondern auch deren Abhängigkeiten – etwa von IT, OT, Energie oder Infrastruktur.

Auswirkungen und Risiken systematisch bewerten

Im nächsten Schritt wird analysiert, welche Folgen ein Ausfall dieser Funktionen hätte. Ein zentrales Instrument ist hierbei die Business Impact Analyse (BIA).

Sie ermöglicht es, kritische Prozesse zu priorisieren, Ausfallfolgen zu bewerten und daraus konkrete Anforderungen an die Sicherheitsarchitektur abzuleiten.

Schutzziele und Bedrohungsszenarien definieren

Auf Basis dieser Analyse werden Schutzziele festgelegt. Dazu gehören insbesondere:

  • Verfügbarkeit
  • Integrität und Unversehrtheit
  • Compliance
  • Resilienz und Wiederanlauffähigkeit

Ergänzend werden Bedrohungsszenarien bewertet. Unterschiedliche Täterprofile – vom opportunistischen Angriff bis hin zu gezielten, hochprofessionellen Aktionen – erfordern unterschiedliche Schutzmaßnahmen.

Maßnahmen integriert ableiten

Die eigentliche Wirksamkeit entsteht erst durch die Integration der Maßnahmen.

Physische Sicherheit umfasst bauliche Schutzmaßnahmen, Perimeterschutz sowie Brandschutz und Umweltschutz.

Technische Sicherheit beinhaltet Systeme wie Zutrittskontrolle, Videoüberwachung, Gefahrenmeldetechnik sowie deren Einbindung in Leitstellen und Monitoringprozesse.

IT- und OT-Sicherheit sorgt für den Schutz vor Cyberangriffen, die Segmentierung von Netzwerken, die Absicherung von Steuerungs- und Leitsystemen sowie sichere Fernzugriffe.

Verfügbarkeitsmaßnahmen stellen den stabilen Betrieb sicher, etwa durch redundante Energieversorgung, Klimatisierung, Mehrpfad-Architekturen und robuste Infrastrukturen.

Ergänzt wird dies durch betriebliche Maßnahmen wie Notfallmanagement, Störungsprozesse, regelmäßige Funktions- und Integrationstests sowie Wartung und Instandhaltung.

Gerade im Kontext hochverfügbarer Infrastrukturen zeigt sich:
Alle Maßnahmen greifen ineinander – vom Strom bis zur Zutrittskontrolle.

Gerade bei physischen Schutzmaßnahmen zeigt sich, dass isolierte Einzelmaßnahmen nicht ausreichen. Warum moderne Sicherheitsarchitekturen auf Zonierung, abgestufte Schutzbereiche und integrierte Perimeterkonzepte setzen, zeigen wir im Beitrag zur physischen Sicherheit in KRITIS-Infrastrukturen.

Verfügbarkeit entsteht durch Systemdesign – nicht durch Einzelmaßnahmen

Ein häufiger Irrtum besteht darin, Redundanz mit Sicherheit gleichzusetzen.

Tatsächlich gilt:

  • Redundanz ohne übergreifende Architektur bleibt wirkungslos
  • Einzelmaßnahmen ohne Integration führen zu Scheinsicherheit

Ein typisches Beispiel ist ein technisch gut abgesicherter Serverraum, dessen Stromversorgung oder Klimatisierung nicht ausreichend geplant wurde. In solchen Fällen ist trotz hoher IT-Sicherheit keine echte Verfügbarkeit gegeben.

Typische Schwachstellen in der Praxis

In der Umsetzung zeigen sich immer wieder ähnliche Muster:

Ein zentrales Problem ist die getrennte Betrachtung von IT, OT und physischer Sicherheit. Dadurch entstehen Schnittstellen, an denen Sicherheitslücken auftreten.

Hinzu kommt, dass OT-Systeme häufig unterschätzt werden, obwohl sie zentrale Steuerungsfunktionen übernehmen. Gleichzeitig wird Verfügbarkeit oft nicht aktiv geplant, sondern implizit vorausgesetzt.

Auch regulatorische Anforderungen werden vielfach isoliert umgesetzt. Das führt zwar zu formaler Compliance, verbessert jedoch nicht zwangsläufig die tatsächliche Resilienz.

Was eine KRITIS-konforme Sicherheitskonzeption auszeichnet

Eine wirksame Sicherheitsarchitektur lässt sich an drei Merkmalen erkennen:

Verfügbarkeitsorientierung

Sicherheit wird konsequent vom Betrieb her gedacht.

Integration

Physische, technische sowie IT- und OT-Sicherheit sowie organisatorische Maßnahmen greifen ineinander.

Architekturansatz

Sicherheit wird als System aufgebaut – nicht als Sammlung einzelner Maßnahmen.

KRITIS-Sicherheit beginnt nicht bei der Technik – sondern bei der Frage, welche Funktionen unter allen Umständen verfügbar bleiben müssen.

Strategischer Ausblick

Die Anforderungen an Betreiber kritischer Infrastrukturen werden weiter steigen. Regulatorische Vorgaben setzen den Rahmen – entscheidend ist jedoch deren wirksame Umsetzung.

Der zentrale Hebel liegt in der Entwicklung integrierter Sicherheitsarchitekturen, die physische, technische und IT/OT-Sicherheit konsequent zusammenführen und auf Verfügbarkeit ausrichten.

Organisationen, die diesen Ansatz frühzeitig verfolgen, erreichen mehr als Compliance:
Sie schaffen belastbare Strukturen für einen stabilen Betrieb auch unter Störungs- und Krisenbedingungen.

Diesen Beitrag teilen:

Inhalt

Weitere Artikel

Warum die Kritikalität einer Infrastruktur oft erst im Ausfall sichtbar wird

Warum werden kritische Abhängigkeiten oft erst im Störungsfall sichtbar? Erfahren Sie, wie Kaskadeneffekte entstehen und warum ...

Welche Prozesse sind wirklich kritisch? Was eine Business Impact Analyse leisten kann

Welche Geschäftsprozesse sind wirklich zeitkritisch? Die Business Impact Analyse zeigt Ausfallfolgen, Abhängigkeiten und notwendige Wiederanlaufzeiten. ...

KRITIS-Regulierung im Übergang: Abwarten ist keine gute Strategie

Was gilt bereits, was ist noch offen und was sollten Betreiber angesichts von KRITIS-Dachgesetz, BSI-Gesetz und ...
Nach oben scrollen

Risiken fundiert einschätzen

Ganzheitliche Unternehmenssicherheit

Individuelle Schutzstrategien

Daten und Compliance

Rechtssicher mit Künstlicher Intelligenz

Sicherheit mit Standards belegen

Urbane Sicherheitslösungen

Sicherheit weltweit

Qualifiziertes Sicherheitspersonal

Technische Sicherheitssysteme

Funktionale Zutrittslösungen

Schutz vor Brand und Gefahrenlagen

Risiken beherrschen

Geschäftsprozesse absichern

Unerwartetes strukturiert bewältigen

Verfügbarkeit kritischer IT-Infrastrukturen

Sicherheit für IT und OT

Planung & Betrieb zentraler Sicherheitssysteme

Sicherheitsfunktionen zuverlässig prüfen

Versorgungs- und Sicherheitssysteme mit zentraler Bedeutung